W. A. Mozart: Exsultate jubilate
Robert Schumann: Symphonie Nr. 3 Es-Dur, op. 97 „Die Rheinische“
W. A. Mozart: Missa in C „Krönungsmesse“
W. A. Mozart: «Exsultate jubilate»
Gelegenheitskomposition für einen Gottesdienst
So grandios die Wirkung dieses Werks ist, so banal ist sein Entstehungsgrund. Mozart hatte das «Exsultate» auf seiner dritten Italienreise als Gelegenheitskomposition für einen Gottesdienst sozusagen aus dem Ärmel geschüttelt. Beim Komponieren jedoch hatte er einen ganz bestimmten Sänger im Kopf: den Kastraten Venanzio Rauzzini, den er kurz zuvor in seiner eigenen Oper Lucio Silla gehört hatte. Mozart war so begeistert von dessen sängerischem Können, dass er ihm das «Exsultate» geradezu auf den Leib komponierte. Mit allem, was einen Kastraten erster Güte herausfordert, wie zum Beispiel schnelle Registerwechsel oder kunstvolle, leichtfüßig zu singende Koloraturen.
Der Text formuliert poetische Worte eines Einzelnen
Das « Exsultate Jubilate» ist also Kirchenmusik, entstanden für einen Kastraten aus der italienischen Oper. Kein Wunder, dass sich hier Opernhaftes in die geistliche Musik gemischt hat, etwa die Form zweier Arien mit dazwischen geschobenem Rezitativ. Der Text zum «Exsultate» stammt von einem unbekannten Textdichter und ist vergleichsweise untypisch für ein kirchenmusikalisches Werk: Statt stereotyper Gebetsformeln finden sich hier poetische Worte eines Einzelnen. Das Besondere ist, dass ein persönlicher Bezug unbedingt verlangt wird. Es ist der einzelne Gläubige, der dieses Gebet spricht, der aber auch den Hörer zum Jubeln mit einlädt.
Gerade diese im Text angelegte Individualität, das vom einzelnen Menschen Ausgehende, entspricht Mozarts Komponierstil. Wunderbar zu hören beispielsweise in der zweiten, ruhig dahinfließenden Arie «Tu virginum Corona», in der die Gottesmutter Maria angerufen wird: ‚Du Krone der Jungfrauen, gib uns Frieden, besänftige du die Leidenschaften, wo ein Herz seufzt.‘ Eine Kavatine in zärtlichem A-Dur. Fast wie ein Liebeslied. Das Gebet an Maria für den Frieden im zweiten Satz ist sehr weich gefärbt, was Mozart normalerweise nicht in der Oper machen würde.
Das Alleluja wird 25-Mal gesungen
Es ist zwar ein Riesenjubel, ganz klar, und es ist auch sehr brillant geschrieben. Trotzdem hat es eine große Wärme und einen großen Bezug zur Religiosität. Das Alleluja, wird 25-mal gesungen, und jedes Mal muss es neu gedacht, neu gespürt werden, was dieses Alleluja ist. Das würde in einer Oper in dieser Form nicht vorkommen.
Es ist zu Musik gewordener Jubel, der das «Exsultate» berühmt und viele Menschen für ein paar Momente glücklich gemacht hat. Befreite Freude, Jubel und heitere Gelassenheit. Das sind Gefühle, denen man sich als Hörender kaum entziehen kann.
Robert Schumann: Symphonie Nr. 3 Es-Dur, op. 97 «Die Rheinische»
Von der rheinischen Landschaft inspiriert
Am 2. September 1850 kam Robert Schumann nach Düsseldorf als neuer Städtischer Musikdirektor. Die freundliche Aufnahme sowie die Eindrücke des Rheinlandes beflügelten den Komponisten. Seine dritte Sinfonie entstand in nur vier Wochen.
Sonntag, den 29. fuhren wir zu unsrer Zerstreuung nach Köln, das uns gleich beim ersten Anblick von Deutz aus entzückte, vor alle aber der Anblick des grandiosen Domes, der auch bei näherer Betrachtung unsere Erwartungen übertraf. So hält es Robert Schumann in seinem Tagebuch fest, und da dieser 29. September zugleich Sankt Michael und in der römisch-katholischen Kirche ein besonderer Tag ist, steht zu vermuten, dass Robert und Clara Schumann an diesem Tag auch eine Messe im Dom erlebt haben.
Das starke Stück zum Anhören
Von Anfang an hat man durch diesen pulsierenden Dreivierteltakt den Eindruck eines Bootes auf dem Fluss: Alles fliesst, und gleichzeitig spürt man eine gewisse Mechanik. Und dann hat man diesen bäuerlichen Tanz des zweiten Satzes. Diese Symphonie ist also stark von der Natur inspiriert und auch von der Religion. Außerdem gründet sie sich auf eine Poesie, die man bei Schumann schon seit seinen Klavierstücken findet. Diese Symphonie ist zwar keine Tondichtung, man darf aber dennoch nicht diesen poetischen und ganz direkten Einfluss von konkreten Bildern außer Acht lassen.
Eine glückliche Symphonie
Die «Rheinische» ist keine Programmsymphonie. Ihren Beinamen hat sie auch nicht vom Komponisten selbst. Erst im Nachhinein hat sein Freund und späterer Biograph Wilhelm Joseph von Wasielewski sie so genannt, da sie kurz nachdem Schumann von Dresden nach Düsseldorf gezogen war, entstanden ist. Eine ungewöhnlich glückliche Zeit in Schumanns Leben, und das hört man auch in dieser Symphonie.
Parallelwelten auch in der «Rheinischen»
Die Symphonie ist weit mehr Stimmungsbild als tonmalerische Nachzeichnung konkreter Situationen. Und wo steckt hier die vielzitierte «rheinische Fröhlichkeit»? Die spricht am ehesten aus dem zweiten Satz, einem Scherzo im Stil eines sanften Ländlers. Hier sieht man vor allem die romantische Seite Schumanns. «Romantisch» im Sinne von Natur, von seiner Liebe zu ländlichen Festen. Das Besondere an diesem Satz ist aber nicht nur das, sondern vor allem dieser langsame Ländler-Rhythmus anstatt eines Scherzos. Und paradoxerweise gibt es in der Mitte eine Stelle, die trotzdem den Geist eines Scherzos à la Mendelssohn evoziert. Fast wie Elfen im Wald. Außerdem gibt es diesen Moment in a-Moll mit seinem obsessiven Orgelpunkt im Kontrabass. Also trotz eines eher ländlichen und folkloristischen Bildes gibt es immer diese zweite Schicht, diese dritte Schicht, die eine Parallelwelt eröffnet. Und das ist wirklich einzigartig bei Schumann. (Yannick Nézet-Séguin, Dirigent)
W. A. Mozart: Missa in C «Krönungsmesse»
«Krönungs-Messe» – das klingt einprägsam – das kann man sich merken
Vielleicht war es nicht zuletzt dieser zugkräftige Beiname, der Mozarts C-Dur-Messe KV 317 zu einer seiner beliebtesten Mess-Vertonung gemacht hat. Dabei schrieb Mozart seine sogenannte Krönungsmesse für einen ganz normalen Ostergottesdienst. Gekrönt wurde an Ostern 1779 im Salzburger Dom niemand. Woher der Beiname stammt? Irgendwann muss die Messe mal bei einer Krönung verwendet worden sein. Viel interessanter ist, was es mit Mozarts Musik auf sich hat.
Sie wissen, bester Freund, wie mir Salzburg verhasst ist! Salzburg ist kein Ort für mein Talent. Mit Händen und Füßen sträubt sich Mozart – doch es hilft nichts. Nachdem die große Reise nach Mannheim und Paris gescheitert ist, bleibt ihm nur eins: die Rückkehr nach Salzburg in den verhassten Dienst beim Fürst-Erzbischof Colloredo. Mozart meckert: „Ich schwöre Ihnen bey meiner Ehre, dass ich Salzburg und die Einwohner nicht leiden kann; mir ist ihre Sprache, ihre Lebensart ganz unerträglich!
Eine Neue Messe mit Pauken und Trompeten
Erst recht der Erzbischof selbst – pardon: der Erzlümmel, wie Mozart ihn nennt. Der zahlt seinem aufsässigen Hoforganisten 450 Gulden im Monat – und bekommt dafür frische Kompositionen. Im Februar 1779 bewirbt sich Mozart um diesen zweitklassigen Posten in einer zweitklassigen Residenzstadt. Einen Monat später liefert er pflichtgemäß eine neue Messe – eine erstklassige, versteht sich.
Pauken und Trompeten bestimmen den Klang der C-Dur-Messe, der sogenannten Krönungsmesse. Schon daran kann man ablesen, wer am Ostersonntag des Jahres 1779 im Salzburger Dom zelebrierte: Der Erzlümmel, pardon: der Erzbischof selbst.
Mozarts Kirchenmusik steht im Schatten der Opern
Keine Spur von mangelnder Motivation also – und das, obwohl Mozart weder mit seinem Posten noch mit dem Auftraggeber glücklich war. Dass seine Kirchenmusik im Schatten der Opern und Klavierkonzerte steht, bedeutet eben keineswegs, dass er keine Lust darauf gehabt hätte. Nur hatte er später kaum noch Gelegenheit, für den Gottesdienst zu komponieren.
Im Credo spricht die Gemeinschaft der Gläubigen
Das Credo beginnt mit einem markanten Motiv auf einem einzigen Ton. Es ist, als würden die Trompeten den Text mitsprechen: «Credo in unum deum, ich glaube an den einen Gott». Immer wieder beharren die Trompeten auf diesem Motiv, das auch bei den anderen Glaubensartikeln wie ein Refrain wiederholt wird. So wird dem Hörer immer wieder eingeschärft, worum es hier geht: um ein Bekenntnis, das jeden Zweifel ausschliesst – eben um ein Credo. Im Credo spricht die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche mit all ihrer Prachtentfaltung in der Fülle ihrer Macht. Schließlich war Erzbischof Colloredo ein Fürst von Gottes Gnaden. Im Agnus Dei dagegen, dem letzten Satz der Messe, spricht ein Individuum von seinen innersten Gefühlen. Vielleicht ist kein Zufall, dass sich Mozart sechs Jahre später, als er den «Figaro» schrieb, an seine C-Dur-Messe erinnerte. Die Arie der Gräfin aus dem dritten Akt ist ein klarer Fall von Selbstplagiat. Musikalisches Recycling war nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit. Vielleicht fand Mozart, dass sein Einfall viel zu schade war, um ihn nur einmal zu verwenden – schließlich konnte er nicht ahnen, dass die Krönungsmesse viele hundert Jahre später eine der beliebtesten Messvertonungen überhaupt sein würde.
Mozart war wirklich in der Lage, mit wenigen Tönen etwas unglaublich Schönes zu erreichen.
Ton Koopman über die Krönungsmesse
Mozart erreicht das Herz
Für den Dirigenten Ton Koopmann ist das Agnus Dei ganz einfach ein schlagender Beweis für Mozarts Genie: Musik sollte das Herz erreichen, und genau das erreicht Mozart mit diesem Agnus Dei. Die Krönungsmesse ist die einzige von Mozarts grossen Messen, die vollständig vorliegt. Schon darum ist sie ein wichtiges Stück.
Und jeder ist glücklich, wenn man sie aufführt: das Publikum, das Orchester, der Chor – jeder ist glücklich bei dieser wunderschönen Musik.
Ton Koopmann